Das Entchen

 

 

 

Das Nest lag versteckt auf einem Haufen Reisig nicht weit von der Scheune auf dem Bauernhof. Die Entenmutter wärmte ihre flaumigen gerade ausgeschlüpften Kinder unter ihrem Gefieder. Eines der Kleinen war lebhaft und kroch früher darunter hervor, als seine Geschwister. Es streckte sein spindeldünnes Hälschen vor, flatterte mit seinen winzigen Flügeln und kletterte auf den Rand des Nestes. Du hörst die Mutter in Panik schnattern. Sie kann ihren kleinen Weltenforscher nicht zurückholen, weil sie ihre anderen Kinder beschützen muss. So gleitet dieser neugierige Entensohn über den Rand und aus dem Nest.

Niemand bemerkt das Wiesel, das von der anderen Seite durch das hohe Grass heranschleicht. Sein langer brauner Körper bewegt sich schnell. Sein Näschen schnuppert, seine kurzen vier Beine sind kaum sichtbar und sein behaarter Schwanz ist ausgestreckt.

Das Entenkind kommt zurück, weil es ein unsichtbares Band zur Mutter fühlt. Doch seine Mutter ist nicht mehr wo er sie verlassen hat. Seine Geschwister liegen im Nest ohne sich zu bewegen, ihre Körperlein liegen da ausgestreckt und kalt.

Ich, das Entenkind fühle die Kälte. Dieses Nest ist nicht mehr der warme Ort an dem ich unter dem Gefieder meiner Mutter Schutz fand. Nur fort von hier, aus dem Nest und schnell, weit weit weg. Ich watschele über Matsch, rutsche auf meinem Hinterteil in eine Pfütze, verliere den Boden unter mir. Ich bewege meine zwei Beine und merke das ich schwimme. Die andere Seite der Pfütze ist schlüpfrig, ich schwimme am Rand entlang und komme an eine flache Stelle an der ich aus dem Wasser waten kann.

Nur weiter denke ich und höre meine Stimme zum ersten Mal, die jetzt laut quakt. Ich rufe nach meiner Mutter, aber ich höre nur das Rascheln vom Wind in den Büschen. Wäre ich ein Menschenkind wie du, würde ich jetzt weinen. Aber ich bin eine Ente und Enten haben keine Tränen. Ich taumele, rutsche und höre nicht auf, nach meiner Mutter zu rufen. Alles um mich herum sieht fremd aus. Das Grass ist hoch, die Büsche haben dunkle Zweige und Wolken verdüstern den Himmel. Ich bin erschöpft und setze mich für eine Weile auf einige trockne Blätter. Da höre ich ihre Stimme. Sie klingt ein wenig anders als die meiner Mutter, aber sie ruft mich. Ich stehe auf, meine Beine sind ein wenig zitterig aber ich patche in die Richtung von der die Stimme kommt.  Ich atme schnell und muss mich anstrengen auf meinen Beinen zu bleiben

Da endlich sehe ich ein Nest, ähnlich dem, das mein Zuhause war. Darin sitzt eine Ente. Ich klettere hinein. Die Mutter hebt einen Flügel und ich schlüpfe darunter. Dunkelheit umgibt mich und die flaumige Warme schläfert mich ein.

Ich fühle Bewegungen um mich herum und werde wach. Neugierig krieche unter den Federn hervor und in die Sonne. Meine Mutter steht auf und verlässt das Nest. Wir sind eine Gruppe von sechs Entenkindern die ihr folgen. Das heißt ich sehe fünf gelb gefiederte Geschwister vor mir. Es riecht nach Moder und Feuchtigkeit. Wir kommen an einen Teich und beginnen mit unserem Schnabel ein wenig Grass zu zupfen. Danach plumpsen wir ins Wasser. Manchmal bewege ich meine Beine um den anderen zu folgen und manchmal lassen wir uns einfach treiben wie unsere Mutter. Es ist schön auf kleinen Wellen zu reiten, wenn eine warme Briese die Wasseroberfläche kräuselte. Manchmal schwimmt ein Blatt an mir vorbei und ein andermal muss ich um einen dünnen Stock schwimmen, der aufrecht im flachen Grund steckt.

Ich wuchs und meine Flügel wurden größer und stärker. Ich spürte ein Sehnen mich in die Luft zu heben und den Begrenzungen des Teiches und unserer Wiese zu entkommen. Ich wollte dem warmen Wind folgen, andere Teiche, Felder und Bäche erforschen. Ich fragte meine Geschwister ob sie nicht Lust hätten sich vom Wind hoch in die Lüfte tragen zu lassen. Sie sagten “Was hast du für wilde Gedanken. Wir sind zu schwer für den Wind.“ „Aber wir fliegen doch, lass uns einfach über den niedrigen Wasserfall dort drüben gleiten und sehen wo sein Wasser hinstürzt.“ Unsere Mutter hatte meine Reden gehört und warnte mich. „du kannst nicht Richtung Wasserfall schwimmen, du würdest in die Tiefe gerissen. Deine Flügel können dich nicht hoch genug tragen, um über den Fall zu fliegen und auf der anderen Seite im Tal zu landen. Sie haben nicht die weite Spanne und auch nicht die Kraft. Du würdest in die Tiefe stürzen“

Ich verstand nicht was sie sagte. Ich fühle mich leicht und meine Flügel konnte ich ausstrecken. Sie schienen stark, wenn ich mit ihnen flatterte. Eines Tages schwammen wir alle am Rande des Teiches wie jeden Tag. Wir waren schon fast so groß wie unsere Mutter. Plötzlich kam ein großer Hund aufs Ufer zu und plantschte ins Wasser. Wir konnten uns alle noch rechtzeitig von der Wasserfläche erheben. Wir sechs und unsere Mutter flatterten zur Mitte und zum tieferen Teil.  Der Hund schwamm auf uns zu, aber in der Luft konnten wie uns schneller als er bewegen. Ich wunderte mich warum die anderen meiner Familie so dicht über der Wasseroberfläche blieben und nach ein paar Metern schon wieder landeten. Ich flog hoch und weiter als sie um sicher zu sein, dass der Hund nicht nach mir schnappen konnte.

Ich dachte nicht lange darüber nach. Wir schwammen, steckten unseren Schnabel unter Wasser in den Schlamm um kleines Geziefer zum Fressen zu finden. Das Grass am Ufer war weich und sattgrün. Wir saßen viele Stunden dort, steckten unseren Schnabel unter einen Flügel und dösten in der Sonne.

Eines Tages wurde der Wind kühler. Die Wiese war nur noch um die Mittagszeit warm. In den Nächten war es viel angenehmer irgendwo im Schutz einer Hauswand zu schlafen. Ich fühlte eine große Unruhe. Es war als würde eine innere Stimme mir sagen, das ich fortgehen muss. Ich fragte meine Geschwister ob sie denselben Drang spüren. Sie schauten mich verständnislos an. Anscheinend fühlten sie sich wohl und geborgen auf dem Bauernhof.

Ich schwamm alleine an das obere Ende vom Teiches. Hob mich vom Wasser ab und flog hoch und höher. Woher kam es, dass ich keine Bedenken hatte ob meine Flügel mich tragen konnten? Ich hatte keine Angst. Irgendetwas in mir sagte mir, dass ich ihnen vertrauen kann.  Ich kam an einen Bach, den ich bisher noch nicht gesehen hatte. Er floss von einem noch größeren Teich als der am hinterm Bauernhof.

Die Sonne blendete mich ein wenig, so sah ich sie nicht gleich. Eine Gruppe von Enten hatte sich auf der Wiese versammelt. Sie waren nicht gelb wie meine Mutter oder meine Geschwister. Ihre Federn waren braun. Einige hatten rot und grünes Gefieder.

Ich landete nicht weit von ihnen und ging langsam auf sie zu. Ich hatte noch gar nichts gesagt da umringten mich einige und bestürmten mich mit Fragen. Ein Enten Älterer, buntgefiedert mit einer geringelten Feder am hinteren Teil seines Rückens schob die Jüngeren beiseite. „Wo kommst du her und warum bist du allein?“ fragte er.

„Meine Familie ist auf dem Bauernhof. Ich wollte mal die Umgebung erforschen, antwortete ich. Und wo kommt ihr her, ich habe euch noch nie hier gesehen.“

„Wir ruhen uns ein wenig hier am Wasser aus. Wir kommen vom Norden und fliegen zum Winter in den Süden. Fliegt deine Familie nicht auch fort“ fragt er zurück.

„Warum sollten wir fortfliegen. Der Hof hier ist unser zu Hause.?“

„Alle Wildgänse fliegen für die Wärme vor dem kalten Winter in den Süden“

„Ich und meine Familie sind aber keine Wildenten, wir haben gelbe Federn und eure sind braun und bunt“ erkläre ich ihm.

„Aber du bist eine Wildente. Hast du nie bemerkt, das deine Federn nicht gelb, sondern so bunt wie meine sind?

„Ich kann mich selber nicht sehen,“ sage ich.

Er führt mich ans Wasser und ich schaue hinein, wie er mir befahl.

Ein buntgefiederter Fremder schaut von der Wasseroberfläche zurück.

Ganz wage kommt mir eine Erinnerung an eine Entenmutter, die braune Federn hatte, und an Geschwister die hell und dunkel gemustert waren. Ich verstand das meine jetzige Mutter mich unter ihren gelben Flügel genommen hatte, als ich allein auf der Welt war.

Ich bin jetzt erwachsen und ich brauche ihren Schutz nicht mehr. Hier war eine neue Familie für mich. Ich war genau wie sie. Ich konnte fliegen wie sie. Ich war nicht an den Bauernhof gebunden.

„Komme mit uns in den Süden,“ sagt mein neuer Freund.

So ließ ich alles, das mir gewohnt war, hinter mir. Ich schloss mich den Wildenten an und konnte endlich hoch und weit in unbekannte Fernen fliegen.

Mein kleiner Menschenfreund, ich will mit dir teilen was ich aus Erfahrung gelernt habe. Menschen um dich herum geben dir Rat. Sie scheinen immer besser zu wissen, was gut für dich ist. Ich sage dir nun, folge nicht allem was andere dir sagen. Du kannst spüren ob ihre Worte dir ein gutes Gefühl geben. Manche Beschäftigungen oder Spiele bringen dir Freude, aber es ist vielleicht nicht das, was andere von dir erwarten. Habe den Mut zu sagen was dir ein gutes Gefühl gibt. Vertraue, dass du Dinge tun kannst von denen andere sagen, das du es unmöglich ist.

Habe Mut und vertraue dir selbst.

 

 

 

 

 

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