Lieber Gott

Lieber Gott, wo bist du?

 

Ich sitze auf einem Bretterzaun. Eine hohe Ulme wirft ihren Schatten auf mich. Vor mir so weit ich sehen kann breitet sich eine Wiese aus. Es ist Sommer und sie ist bedeckt mit blauen Wildblumen.

Hier saß ich als ich noch ein Kind war wie du. Der Himmel war damals genauso blau wie jetzt. Im Religionsunterricht hatte die Lehrerin erklärt, das Gott im Himmel ist. Ich schaute damals sehr angestrengt zum Himmel auf. Ich sehe Gott nicht. Vielleicht hat man dir auch gesagt, das Gott nicht nur im Himmel ist, sondern überall. Im Bilderbuch habe ich gesehen, dass er einen weißen Bart hat. Ich sehe keinen Mann mit weißem Bart. Jeder sagt, dass Gott unsichtbar ist, aber das ich trotzdem an ihn glauben muss. Ich fragte mich damals ob Gott nun wie ein Mann mit langem Bart aussieht oder ob er unsichtbar ist.

Hast du schon mal versucht Gott zu finden? Also, als ich so im zweiten Schuljahr war habe ich entschieden, dass der Gott von dem die Lehrerin redet und der in Büchern abgebildet ist nicht existiert. Ich hatte meine eigene Erfahrung um was es hier geht. Ich fühle etwas das ich Gott nannte, weil ich nicht wusste, wie ich es sonst benennen kann. Mit diesem meinem Gott unterhielt ich mich. Er war mein unsichtbarer Freund.

Vielleicht hast du ähnliches erlebt und kannst es deinen Eltern oder anderen Erwachsenen nicht erzählen. Entweder verstehen sie nicht was du sagst oder sie sagen, dass es nur in deiner Phantasie ist und nicht wirklich geschah. Sie sagen, dass du noch ein Kind bist, dass an Märchen glaubt. So versuchst du nicht mehr ihnen zu erklären was doch so wirklich und wahr ist. Nun fühlst du dich aber sehr einsam und allein in der Welt. Du bist traurig. Allen Erwachsenen gegenüber bist du schüchtern, weil es scheint, dass sie eine andere Sprache sprechen als du. Was immer sie sagen fühlt sich nicht richtig an und du nickst nur damit sie denken du bist mit dem was sie sagen einverstanden. Du kannst ihnen nicht erklären wie unrecht sie haben, sie würden nicht verstehen warum du so sprichst und würden nur sagen, dass du frech bist, weil du ihnen widersprichst.

 Ich will dir nun einige Ereignisse mit ihm erzählen wo Gott mich geführt hat.

Als ich in der Schule gerade lernte Geschichten zu schreiben, war die Hausaufgabe, davon zu erzählen wie ich mal jemandem geholfen hatte. „Beim Tummeln im Schnee, schrieb ich, sei meine kleine Schwester verletzt worden. Ich half ihr auf ihren Schlitten. Sie lag da und rührte sich nicht. Ich zog sie den langen Weg nach Hause. Die Geschichte war in vielen Einzelheiten ausgemalt und ziemlich dramatisch. Die Lehrerin las sie laut vor der Klasse vor, lobte sie sehr und sagte man könne erkennen, dass ich dies wirklich erlebt hatte. Ich kam mir wie eine Lügnerin vor, weil ich ihr nicht widersprach. Die Wahrheit war nämlich, dass ich alles erfunden hatte. Während ich schrieb war diese Stimme in mir und ich habe nur aufgeschrieben was sie mir diktierte.

Als ich malte geschah Ähnliches. Die Lehrerin sagte wir sollten einen Steingarten malen. Alle Schüler schauten sie verständnislos an. Wir hatten Felder gesehen die gelb vom Flachs im Wind wogten, blaue Kornblumen und roten Klatschmohn am Straßenrand. Wir kannten Steingruben und steinige Felsen aber keinen Steingarten. So erklärte sie, dass es ein Garten mit Feldsteinen ist zwischen denen Blumen angepflanzt sind. Mein Freund und „Gott“ legte mir ein buntes Bild in meinen Kopf und ich brauchte es nur zu malen wie ich es sah. Die Lehrerin meinte bewundernd, dass ich anscheinend die einzige bin, die schon mal einen Steingarten gesehen hat. Wie sollte ich ihr erklären, dass ich es noch nie in Wirklichkeit gesehen hatte. Also nickte ich nur.

 

Es war an einem sehr kalten Wintertag. Ich war etwa fünf Jahre alt. Das Fenster im Fachwerkhaus in dem wir lebten war klein, Feuchtigkeit war auf der Scheibe in einem Sternenmuster gefroren. Ich hörte die Stimme in mir sehr deutlich sagen “Gehe an den Bach“ Ich fragte nicht warum, weil ich ein Bild in meinem Kopf sah. Etwas lag am Rande des Wassers. Ich lief zu meiner Mutter, zog an ihrem Rock und rief „ich muss an den Bach gehen“. Sie schaute mich an und sah wohl meine Verzweiflung. Sie war mein einziger Verbündeter die zumindest versuchte meine, was andere Launen nannten, zu verstehen. Sie versuchte mir zu erklären, dass es zu kalt ist, um nach draußen zu gehen. Ich brach in Tränen aus und wusste nicht wie ich erklären konnte, wie wichtig es war, schnell an den Bach zu kommen. Meine Mutter sah meine Entschlossenheit gegen ihr Einverständnis allein nach draußen laufen, falls sie nicht mitkommt. Sie zog mir Mantel und Schuhe an, nahm ihren Lodenmantel vom Haken an der Tür, schlüpfte in ihre Holzpantinen und fragte wo wir hingehen müssen.

Ich zog sie am Arm, als sie mir zu langsam ging, ließ ich los und rannte. Der Boden war schlüpfrig, der alte Schnee war hart gefroren. Ich lief um den Stall der jetzt leer war, Im Sommer würden Pferdeköpfe aus der oberen Hälfte der Tür hängen, die sich öffnen ließ. Der Weg war uneben wo der Tiere Hufabdrucke im Matsch gefroren waren. Ich stolperte ein paar Mal, konnte mich aber immer fangen. Da war die dunkel gekleidete Gestalt, die ich vor meinem inneren Auge gesehen hatte. Ich beugte mich über sie. Es war der alte Vater des Bauern. Er sah sehr blass aus und ein wenig Blut war an seinem Kopf zu sehen. Meine Mutter erreichte uns und nahm sein Handgelenk. „Lauf schnell zum Bauern und sag ihm, dass sein Vater hier auf dem Eis ausgerutscht ist“ wies sie mich an.

Ich rannte so schnell ich konnte zur Vorderseite unseres Hauses, über den Hof und durch die Waschküche im Haupthaus. In der Küche waren die Bauersfrau und ihre Mutter mit kochen beschäftigt. Ich war außer Atem und meine Worte verhaspelten sich. Als sie endlich verstanden was ich sagte, lief die junge Frau sofort zu den Ställen. Ich sah wie der Bauer und ein paar Knechte zum Wasser gingen. Als sie nach einer Weile zurückkamen trugen sie den alten Mann.

Meine Mutter nahm mich in die Arme.

Ich weiß nicht warum sie mir sagte, dass es dem Alten schnell wieder bessergehen wird, sowie er mit Wärmeflaschen im Bett liegt und ein Pflaster auf der kleinen Kopfwunde ist. Ich schaute zu ihr auf. Sie fügte hinzu wie gut es war, dass ich den Alten vom Fenster aus, gesehen habe. So konnte er rechtzeitig gefunden werden. Ihn da so liegen zu sehen muss dich sehr erschrocken haben.

Ich wagte nicht zu sagen, dass ich ihn gar nichts vom Fenster aus, hatte sehen können. Und, sah sie denn nicht, dass der brummige alte Mann morgen tot sein würde?

Das Totenglöckchen läutete am Abend des nächsten Tages.

Ich kenne dich nicht, mein Freund oder Freundin, die du meine Geschichte liest. Ich erzähle dir von meinen Bildern die andere nicht sehen und Dinge von denen andere nichts wissen . Falls du so bist wie ich,  denke ich mir hast du in mir eine Verbündete, die dich versteht und dir sagt, dass es ganz normal ist eine Stimme zu hören und manchmal zu wissen was zu tun ist. Manche Menschen sind wie du und ich und andere können dich nicht verstehen. Versuche nicht ihnen dieses Wissen zu erklären. Du wirst später im Leben Menschen treffen, die genau wie du eine Intelligenz haben, die sich von der anderer unterscheided. Denke nicht , dass du dumm bist, nur weil du Dinge anders erfasst als sie. Versuche nicht das Leben wie sie zu verstehen. Du bist einzigartig und du bist wunderbar so wie du bist.

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Ehrengard Von Oettingen